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Accenture

„IT aus Deutschland hat das Zeug zum Exportschlager.“

Ist Deutschland beim globalen IT-Wettlauf längst abgehängt? thinkforward hat Frank Riemensperger, den Vorsitzenden der Geschäftsführung von Accenture Deutschland, gefragt.

Google, Facebook, Apple – Deutschland, immerhin die Heimat des Computer-Erfinders Konrad Zuse, scheint im Konzert der Großen des internationalen IT-Geschäfts bis auf wenige Leuchttürme keine führende Rolle mehr zu spielen. Ist Deutschland beim globalen IT-Wettlauf längst abgehängt? thinkforward hat Frank Riemensperger, den Vorsitzenden der Geschäftsführung von Accenture Deutschland, gefragt.

Herr Riemensperger, wer wird der nächste Superstar aus Deutschland und Europa, der es mit Google oder Apple aufnehmen kann?
Frank Riemensperger: Ich vermute, es wird keinen mehr geben. Der Kuchen der endverbraucherorientierten IT ist aufgeteilt zwischen US-amerikanischen Unternehmen. Wenn sie ausländische Konkurrenz zu fürchten haben, dann allenfalls aus China.

Schreiben Sie Deutschland also ab?
Im Gegenteil, denn gerade aus dieser Perspektive heraus müssen wir Deutschland positionieren. Deutschlands Wirtschaft ist unverändert stark, wenn es um klassische Ingenieursleistungen geht, etwa im Automobilsektor, im Maschinenbau oder in der Medizintechnik. Die Herausforderung besteht nun in der Transformation. In der Frage, welche serviceorientierten Geschäftsmodelle sich hierzulande ausbilden können. Entscheidend dafür ist, dass die deutschen Leitbranchen die großen Potenziale der digitalen Technologien nutzen – und zwar nicht nur für ihre Produkte, sondern auch für ihre Services.

In ihren Studien zu den Erfolgsrezepten der „Besten der Besten“ haben Sie fünf Hebel identifiziert, mit denen High Performer ihre Umsatzentwicklung beschleunigen. Das sind Wachstum in den neuen Märkten, Innovationen entlang der Megatrends, weniger, aber besser integrierte Übernahmen, ein exzellentes, stabiles Führungsteam und last but not least die Fokussierung auf Kernkompetenzen und IT. Warum hat die IT hier eine so herausragende Stellung? Avanciert sie zum Nervensystem der Geschäftsmodelle der Zukunft?
So ist es. Ich gehe sogar noch weiter, denn in der Konsequenz bedeutet das auch den Anbruch einer neuen Ära des CIO. Ihm kommt eine neue Aufgabe zu, nämlich die, das eigene Unternehmen auf diesen Wandel vorzubereiten und ihn umzusetzen. Denn in Verbindung mit IT gibt es gerade für diese Kategorie Unternehmen, ein enormes Potenzial für neue Geschäftsfelder und Umsatzströme.

Was muss ein Unternehmen schließlich auf der Doing- Ebene mitbringen, um hier erfolgreich zu sein?
Zum ersten brauchen wir Menschen und Unternehmer, die in den neuen Technologien Geschäftsmodelle sehen und sie bis zur Machbarkeit vorantreiben. Dann müssen Produkte erdacht und entwickelt werden, die von Kommunikation und Vernetzung profitieren. Drittens brauchen wir Architekturen und Standards, die Regeln für den Austausch dieser riesigen Datenmengen zur Verfügung stellen. Und außerdem geht es nicht ohne Methoden, die Daten so zu analysieren, dass zeitnah geschäftsrelevante Informationen daraus werden.

Bevor wir auf die dahinterliegende Technologie zu sprechen kommen: Wie können solche Geschäftsmodelle aussehen und für welche Branchen sind sie denkbar?
Hier gibt es kaum Grenzen. Denken Sie an zwei an sich stark reglementierte Branchen: Versicherungen und das Gesundheitswesen. Wir haben zum Beispiel bereits ein Modell für Kfz-Versicherungen diskutiert, das von starren Tarifmodellen absieht und strikt nutzungsorientiert funktioniert, „pay as you drive“ sozusagen. Mit kommunizierenden Autos ist das denkbar, wenn auch noch nicht heute. Oder etwa die Pflege älterer Menschen: Wenn es über vernetzte Systeme möglich ist, Menschen weitestgehend zu Hause zu betreuen und trotzdem alle medizinischen Parameter im Auge zu behalten, erschließt sich ein riesiger und zwangsläufig wachsender Markt. Oder der Service für Autos. Oder Gebäudetechnik und -überwachung. Wie gesagt: Hier gibt es kaum Grenzen.

… was aber alles erst möglich wird, wenn entsprechende Infrastrukturen zur Verfügung stehen
…. das Entscheidende ist die logische Datenarchitektur, weniger die technische Infrastruktur. Wir wollen die Daten ja nicht nur transportieren, sondern vor allem auswerten und nutzen. Die notwendigen Standards sind in vielen Bereichen noch zu definieren. Hier ist das Rennen noch offen. Deutschland wird sich in diesem Bereich erfolgreich aufstellen.

Die klassische Unternehmens-IT kann diesen Wandel doch kaum leisten. Wie sieht es in den Unternehmen aus?
Völlig richtig. Das wird eine Herkulesaufgabe für den CIO, und seine Rolle wird sich deutlich wandeln. Die neuen Technologien lassen zwar ganz neue Geschäftsmodelle zu, doch die praktischen Herausforderungen müssen gemeistert werden. Big Data ist in diesem Zusammenhang vor allem zu nennen, denn Big Data ist mehr als ein Mode- Schlagwort. Wir reden schließlich längst nicht mehr nur von strukturierten Daten, sondern eben auch von unstrukturierten – man denke nur an Milliarden von Facebook-Einträgen. Das bedeutet, dass enorme Teile der Daten nicht mehr anonym, sondern mit Identitäten verbunden sind. Wo sich die Unternehmens-IT im letzten Jahrzehnt vorwiegend mit Prozessen und Anwendungen befasst hat, sind jetzt ganz neue Architekturen gefragt. Ob der CIO diesen Paradigmenwechsel umsetzen oder sogar mitgestalten kann, wird ein Erfolgsfaktor für Unternehmen sein.

Mit den Daten umgehen zu können, bringt aber noch keinen Mehrwert?
Dazu müssen aus Daten Informationen werden, und hier kommen Analytics ins Spiel. Die Technologie dafür gibt es heute, aber auch hier gilt: Nur wenn die Datenarchitektur stimmt, können gewonnene Informationen auch passend und schnell genug in den Geschäftsprozess integriert werden. Ein Beispiel aus der Kfz-Versicherung: Für einen nutzungsorientierten Tarif müsste nicht nur die reine Fahrleistung erfasst, sondern auch die Fahrweise im Kontext bewertet werden. Und das transparent, sicher und von Tausenden Verkehrsteilnehmern zugleich. Die Datenmengen nehmen bei diesen Geschäftsmodellen exponentiell zu, folglich wird deren Verwaltung auch immer komplexer. Um sich auf ihr Kerngeschäft zu konzentrieren, lagern erfolgreiche Unternehmen diese Aufgabe wie auch die Daten-Analytik an externe Partner aus, die als Transformationsexperten alle Elemente der Wertschöpfungskette kennen und zum Nutzen des Geschäftsmodells einsetzen. Dazu gehören nicht nur exzellente technologische Fähigkeiten, sondern auch tiefes Branchen-Know-how.

Welche unternehmerische Qualität wird aus Ihrer Sicht zukünftig entscheiden?
Ganz klar: Agilität. Zukünftige Geschäftsmodelle werden nicht mehr im Quartalsrhythmus, sondern im Tages- oder Stundentakt ticken. Dieses Tempo müssen Unternehmen mithalten, besser noch bestimmen. Aber hier bin ich für deutsche Unternehmen optimistisch: „Technologie im Einsatz“ war schließlich immer unsere Stärke.

Zum Schluss: Sie sprechen vom „Internet der Dinge“. Meinen Sie damit die vernetzte Kommunikation über IT von Dingen und ist dies keine Steilvorlage für kommende Geschäftsmodelle?
Genau. Dass Stromzähler, Autos, Produktionsanlagen, aber auch viel banalere Dinge wie Haushaltsgeräte „always on“ sein werden, ist heute Konsens. Entscheidend wird dabei sein, wer am schnellsten und am strukturiertesten weiterdenkt, neue Geschäftsmodelle daraus generiert, und seine IT so aufstellt, dass er diese Modelle auch im Markt platzieren kann. Hier entstehen Datenströme, die in Zukunft genauso wichtig sein werden wie die Informationen, die etwa über Facebook ausgetauscht werden, auch, wenn sie nicht so augenfällig sind. Die Chancen, die sich daraus ergeben, sind noch nicht annähernd ausgeschöpft, teilweise noch nicht einmal erkannt. Wenn es uns gelingt, Geschäftsmodelle à la Apple auf die Entwicklung, den Verkauf und den Betrieb intelligent vernetzter Produkte zu übertragen, dann hat IT aus Deutschland das Zeug zum Exportschlager.

Vielen Dank für das Gespräch. /

Bildnachweis: Accenture GmbH

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